Cannabis bestrahlt vs. unbestrahlt: Der komplette Faktencheck

Cannabis bestrahlt vs. unbestrahlt: Der komplette Faktencheck

Geschrieben von: Pia Franziska Kraus

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Lesezeit 8 min

Cannabis bestrahlt vs. unbestrahlt: Der komplette Faktencheck

Medizinisches Cannabis ist in Deutschland heute zugänglicher denn je. Häufig findet man den Zusatz „bestrahlt“ oder „unbestrahlt“ bei den Produkten. Doch was hat das für eine Bedeutung? Und was ist besser – bestrahltes oder unbestrahltes Cannabis? Dieser Artikel nimmt die Bestrahlung von medizinischem Cannabis unter die Lupe.

Die wichtigsten Fakten im Überblick

Medizinisches Cannabis, das du auf Rezept in der Apotheke kaufen kannst, ist unbestrahlt und bestrahlt erhältlich.

Das Verfahren der Bestrahlung erhöht die Sicherheit von Cannabisblüten, da sie zuverlässig frei von Keimen, Bakterien und Schimmelsporen sind.

Man ist sich nicht ganz einig, ob die Bestrahlung die Qualität von medizinischem Cannabis mindern kann, da das Terpenprofil verändert wird.

Was allerdings unberührt bleibt, ist der Gehalt an THC und CBD.

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Warum wird medizinisches Cannabis überhaupt bestrahlt?

Cannabis-Produkte werden aus den Blüten der weiblichen Cannabispflanze gewonnen. Folglich handelt es sich um ein Naturprodukt. Während das für viele Konsumenten und Patienten ein echtes Pro-Argument darstellt, gehen daraus ganz neue Herausforderungen hervor.


Cannabis kann aufgrund seiner natürlichen Beschaffenheit während des Anbaus, der Ernte oder der Lagerung mit Bakterien, Keimen oder Schimmel in Kontakt kommen. Wie wir in unserem Artikel über Cannabis-Schimmel bereits gezeigt haben, kann dadurch eine ganze Ernte schnell vollkommen hinüber sein – denn kontaminiertes Marihuana sollte auf keinen Fall konsumiert werden!


Inhaliert oder anders eingenommen können schnell Krankheiten und andere Beeinträchtigungen entstehen. Das Medizinalcannabis, das deine Beschwerden lindern sollte, führt so nur zu neuen gesundheitlichen Schwierigkeiten.


Damit eine mikrobiologische Reinheit entsteht, gibt es das Verfahren der Bestrahlung. Dadurch stellt man sicher, dass das Cannabis frei von Krankheitserregern, Schimmelsporen und anderen Inhaltsstoffen ist, die man darin nicht haben möchte. Gerade Patienten mit einem schwachen Immunsystem greifen am besten zu bestrahltem Cannabis, da ihnen das mehr Sicherheit bietet. Allgemein gibt es medizinisches Cannabis jedoch bestrahlt und unbestrahlt.


Es besteht also keine Pflicht für Hersteller, ihr Cannabis ausschließlich in bestrahlter Form bereitzustellen. Die Bestrahlung dient lediglich als Sicherheitsmaßnahme. Was allerdings vorgeschrieben ist, ist eine klare Maximalanzahl an Mikroorganismen in medizinischen Cannabisblüten. Die Europäische Pharmakopöe bzw. das Europäische Arzneibuch legt die Standards fest. Wenn diese durch herkömmliche Anbaumethoden nicht eingehalten können, wird die Bestrahlung standardmäßig durchgeführt.

Welche Bestrahlungsmethoden bei Cannabis eingesetzt werden

Die Bestrahlung von Cannabis – oft auch „Sterilisation“ genannt – kann auf unterschiedliche Weise durchgeführt werden. Die 3 gängigsten Methoden sind die Gamma-Bestrahlung, die Elektronenstrahl-Bestrahlung und die Bestrahlung mit UV-C.

Gamma-Bestrahlung (Cobalt-60)

Am weitesten verbreitet ist die Gamma-Bestrahlung von Cannabis. Sie wird mithilfe des radioaktiven Elements Cobalt-60 (auch „Kobalt 60“ genannt) erzeugt. Hochenergetische Gammastrahlung durchdringt das Pflanzenmaterial und zerstört dort zuverlässig die DNA von Mikroorganismen, die dort nicht hingehören. Rückstände verbleiben keine. Damit ist die Gamma-Bestrahlung eine Methode, die nicht nur bei medizinischem Cannabis zum Einsatz kommt, sondern auch in anderen Bereichen der Lebensmittel- und Pharmaindustrie.

Elektronenstrahlen (E-Beam)

In der Medizin kommt ebenfalls die Bestrahlung mit Elektronenstrahlen – sogenannten „E-Beams“ – zum Einsatz. Dabei treffen hochenergetische Elektronen auf das Pflanzenmaterial. Dieses Verfahren ist besser für dünne Materialien geeignet, da es nicht so weit eindringen kann. Bei medizinischem Cannabis findet es daher vergleichsweise seltener Anwendung. Nur dünnere Pflanzenmaterialien können zuverlässig damit behandelt werden, was sich aus Kostengründen im Gegensatz zur Gamma-Bestrahlung eher weniger lohnt.

UV-C (Ultraviolett)

Bei der Bestrahlung mit UV-C-Licht kommen energiereiche ultraviolette Strahlen zum Einsatz. Diese sind dazu in der Lage, Mikroorganismen, die sich auf der Oberfläche befinden, abzutöten. Da das UV-C-Licht jedoch nicht komplette Buds durchdringen kann, wird die Methode eher nur ergänzend verwendet. Eine vollständige Dekontamination kann mit dem Verfahren nicht gewährleistet werden.

Cannabis bestrahlt vs. unbestrahlt: Wo liegen die Unterschiede?

Die Bestrahlung von Cannabis soll die Produktsicherheit erhöhen. Doch einige Konsumenten und Patienten stellen sich die Frage, ob so ein Verfahren nicht etwa auch Auswirkungen auf die Qualität hat. Und andere werden beim Wort „Strahlung“ besonders vorsichtig – könnte es sein, dass bestrahltes Cannabis sogar gefährlich ist?


In manchen Bereichen ist sich die Wissenschaft einig, bei anderen Themen scheiden sich die Geister. Wir haben daher die wichtigsten Unterschiede zwischen bestrahltem und unbestrahltem Cannabis für dich zusammengetragen.

Mikrobiologie & Sicherheit: Ist bestrahltes Cannabis bedenklich?

Eines vorweg: Gefährlich oder ungesund wird Cannabis durch die Bestrahlung nicht. Im Gegenteil: Der Prozess der Bestrahlung bietet Patienten mehr Sicherheit, da sie ein keimfreies, mikrobiologisch reines Produkt erhalten.


Auch wenn bei der Gamma-Bestrahlung ein radioaktives Element zum Einsatz kommt, wird das bestrahlte Cannabis dadurch nicht radioaktiv. Es handelt sich um ein wissenschaftlich erprobtes und vor allem sicheres Verfahren. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt wird die Bestrahlungsmethode im Lebensmittel- und Pharmabereich eingesetzt.

Auswirkungen auf Aroma, Terpene & Qualität: Was Studien zeigen

Was die Qualität von bestrahltem Cannabis angeht, sind sich viele Hersteller und Forscher nicht ganz einig. Was wissenschaftlich erwiesen ist, ist die Tatsache, dass die Cannabinoide Tetrahydrocannabiol (THC) und Cannabidiol (CBD) durch die Bestrahlung nicht verändert werden. Diese Inhaltsstoffe sind der Hauptgrund für die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis, weshalb das eine positive Basis darstellt.


Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die Terpene in den Cannabisblüten durch die Bestrahlung reduziert oder sogar gänzlich zerstört werden. Was sind Terpene? Die flüchtigen Verbindungen verleihen dem Cannabis sein Aroma und modulieren die Wirkung der Cannabinoide durch den Entourage-Effekt. Ganz unwichtig sind sie für Cannabis-Patienten also nicht.


In einer Studie kam ans Tageslicht, dass Cannabis nach der Bestrahlung 10 bis 20 % weniger Terpene enthalten kann. Bei manchen Terpenen, die sensibler auf die Strahlung reagieren, waren es sogar bis zu 38 %. Das ist der Grund dafür, dass bestrahltes Cannabis einen anderen Geschmack haben kann als unbestrahlte Blüten. Die Wirkung verändert sich dadurch allerdings nicht.


Was jedoch ein großer Vorteil von bestrahlten Cannabisblüten ist, ist ihre lange Haltbarkeit. Sie lassen sich viel besser und länger lagern, ohne dass sie an Qualität verlieren. Das ist ideal für Apotheken mit einem großen Sortiment.

Übrigens: Wie lange Cannabis haltbar ist und was du zur Steigerung der Haltbarkeit unternehmen kannst, erfährst du in einem separaten Artikel.

Vor- und Nachteile von bestrahltem und unbestrahltem Cannabis

Bestrahltes oder unbestrahltes Cannabis? Viele Patienten, die das erste Mal medizinisches Cannabis kaufen möchten, stehen vor dieser wichtigen Frage. Wir haben daher eine Übersicht der Vor- und Nachteile von bestrahltem und unbestrahltem Cannabis für dich erstellt.



Bestrahltes Cannabis

Unbestrahltes Cannabis

Mikrobiologische Sicherheit

Keine Bakterien; kein Schimmel; keine Pilze; ideal für Patienten mit einem geschwächten Immunsystem

Hohe Qualität durch kontrollierten Anbau; minimal höheres Infektionsrisiko bei empfindlichen Nutzern

Wirkstoffe

Erhalt von THC und CBD; Veränderung des Terpenprofils

Erhalt aller natürlich enthaltenen Wirkstoffe

Aroma

Verändertes Aroma

Intensives, natürliches Aroma

Haltbarkeit

Erhöhte Haltbarkeit

Kürzere Haltbarkeit, die von der Lagerung abhängig ist

Rechtliche Aspekte

Strenge Regulation; spezielle Zulassungen nötig

Keine Zulassungen nötig, wenn Grenzwerte eingehalten werden


Bist du dir noch unsicher, für welche Art von Medizinalcannabis du dich entscheiden solltest? Im besten Fall hältst du mit deinem Arzt Rücksprache. Dieser kann dich eingehend beraten und dir Tipps geben, die individuell auf dich zugeschnitten sind. Auf diese Weise kannst du persönlich die beste Entscheidung treffen.

Warum bieten einige Hersteller unbestrahltes Cannabis an?

Manchen Patienten sind unbestrahlte Cannabissorten lieber. Das hat meist mit den enthaltenen Terpenen zu tun. Ein reiches Terpenprofil macht das Cannabis wesentlich aromatischer und kann auch die Wirkung beeinflussen.


Dem Wunsch kommen manche Hersteller nach. Sie setzen nicht auf eine Bestrahlung der Cannabisblüten, sondern ergreifen andere Maßnahmen, um ein sicheres, reines Produkt anbieten zu können:

  • Sterile Anbaubedingungen
  • Präzise Überwachung von Luftfeuchtigkeit und Temperatur
  • Optimierte Trocknungsmethoden

Durch eine sorgfältige Vorgehensweise kann verhindert werden, dass sich Schimmel oder Keime bilden. Wenn die getrockneten Cannabisblüten dann noch korrekt verpackt werden, erhalten Patienten ein keimfreies Produkt mit vollem Terpenprofil und unvergleichlichem Aroma.

Cannabis bestrahlt vs. unbestrahlt: Rechtliches & Studienlage

In Deutschland gibt es kein Gesetz, das Herstellern von medizinischem Cannabis pauschal vorschreibt, ob sie ihre Cannabisblüten bestrahlen müssen oder nicht. Wenn jedoch das Verfahren zur Bestrahlung angewendet wird, greifen die Regelungen der Verordnung über radioaktive oder mit ionisierenden Strahlen behandelte Arzneimittel (AMRadV). Zudem müssen bestimmte Grenzwerte an Mikroorganismen eingehalten werden, damit medizinisches Cannabis an Patienten verkauft werden darf.

Gesetzliche Vorgaben (AMRadV)

AMRadV steht für „Verordnung über radioaktive oder mit ionisierenden Strahlen behandelte Arzneimittel“. In dieser Verordnung wird festgelegt, dass Cannabis, welches zu medizinischen Zwecken bestrahlt wird, eine spezielle Zulassung benötigt, ehe es an den Kunden geht. Es handelt sich um die Zulassung nach §7 AMG (Arzneimittelgesetz) und §1 AMRadV.


Hersteller dürfen selbst darüber entscheiden, ob sie ihr Cannabis bestrahlen oder nicht. Wenn jedoch eine Bestrahlung erfolgt, sind eine genehmigte Zulassung der Cannabisagentur und eine GMP-konforme Produktion nötig, damit das Medizinalcannabis auf den Markt darf.

Forschungslage: Was wir heute wissen und was nicht

Bringt die Bestrahlung von Cannabis wirklich etwas? Diese Frage mag sich der ein oder andere Patient stellen, der vor der Wahl zwischen bestrahltem und unbestrahltem Cannabis steht.


Tatsächlich konnten Studien belegen, dass sowohl die Gamma- als auch die Elektronenbestrahlung effektive Methoden darstellen, mit denen Keime reduziert werden können. Vor allem Bakterien und Schimmel können zuverlässig abgetötet werden.


Die wichtigsten Cannabinoide THC und CBD bleiben allerdings erhalten und auch Terpene werden nicht vollständig zerstört. Terpenprofil und Aroma werden durch die Bestrahlung nur geringfügig verändert – hierzu gibt es jedoch verschiedene Forschungsergebnisse.


Auch wenn nachgewiesen werden konnte, dass bestrahltes Cannabis weder radioaktiv noch sonst irgendwie gefährlich ist, wird dieser Aspekt noch weiter erforscht, da noch keine Langzeitwirkungen bekannt sind.


Generell ist medizinisches Cannabis – vor allem solches, das bestrahlt wurde – ein streng geprüftes Produkt, das nicht ohne Weiteres an Patienten herausgegeben wird.

Fazit

Medizinisches Cannabis ist in bestrahlten und unbestrahlten Varianten erhältlich. Die Bestrahlung ist eine Maßnahme, um besonders sicheres, keimfreies Cannabis anbieten zu können. Da Hersteller jedoch auch durch einen sorgfältigen Anbau, schonende Trocknung und richtige Verpackung Schimmel und Keimen entgegenwirken können, gilt auch unbestrahltes medizinisches Cannabis als sicher. Die Bestrahlung ist eher für Patienten geeignet, die ein besonders schwaches Immunsystem haben.

FAQ – Häufig gestellte Fragen zu bestrahltem und unbestrahltem Cannabis

Was ist der Unterschied zwischen bestrahltem und unbestrahltem Cannabis?

Bestrahltes Cannabis wird im Gegensatz zu unbestrahltem Cannabis mit spezieller Strahlung behandelt, um Keime, Bakterien und Schimmel effektiv abzutöten.

Ist bestrahltes Cannabis gesundheitlich bedenklich?

Nein, die derzeitige Studienlage weist nicht darauf hin, dass bestrahltes Cannabis gesundheitlich bedenklich oder gefährlich ist. Im Gegenteil: Es gilt als ein sehr reines und streng kontrolliertes Produkt.

Welche Bestrahlungsmethoden werden bei medizinischem Cannabis verwendet?

Die am häufigsten angewendete Bestrahlungsmethode bei medizinischem Cannabis ist die Gamma-Bestrahlung. Ergänzend können eine UV-C-Bestrahlung sowie eine Bestrahlung mit Elektronen erfolgen.

Beeinflusst die Bestrahlung Terpene, Aroma oder Wirkung?

Zwar beeinflusst die Bestrahlung von medizinischem Cannabis nicht seine Wirkung, da der THC- und CBD-Gehalt unverändert bleiben. Doch die Terpene können durch den Prozess vermindert werden. Das geht mit einer Veränderung des Terpenprofils, also auch des Geschmacks einher.